Sonntag, 15. Mai 2011

Twin Peaks: Wider das Gesetz der Serie

10 Gründe warum die Fernsehserie Twin Peaks selbst zu ihrem zwanzigsten Jubiläum noch in der heutigen Serienlandschaft bestehen kann.

Mit Twin Peaks haben die Regisseure David Lynch und Mark Frost vor zwanzig Jahren eine Fernsehserie geschaffen, die allen Konventionen widerspricht. Anstatt sich an die Sehgewohnheiten des Zuschauers anzupassen, beschert sie ihm ein stetiges Gefühl der Unsicherheit. Zum Jubiläumlaufen bei Arte vom 19. April bis zum 28. Juni jeden Dienstagabend zwei – der insgesamt 29 Folgen von Twin Peaks. Die Zweitausstrahlung im deutschen Fernsehen macht deutlich, dass die Serie auch heute einen Vergleich mit der aktuellen Konkurrenz nicht scheuen muss.

1. Twin Peaks ist verwirrend. Stärkster Kontrahent in der Kategorie „Verwirrung“ ist die Serie Lost, die durch mehrfache Sprünge in der Zeit, durch parallele Plotstränge und durch mysteriöse Twists ihre Fans begeistert. Stets wird die Auflösung des Cliffhangers durch das freundliche Versprechen „Fortsetzung folgt...“ auf die nächste Woche vertagt. Ein rätselhafter Plot und wiederkehrende Motive sorgen dafür, dass der Zuschauer sich mit dieser Vertagung zufrieden gibt. Im Gegensatz zu Lost steht eine versöhnende Auflösung bei Twin Peaks vollkommen außer Frage. Ohne jegliche Erläuterung verwandelt sich ein Charakter in einen Komodenknauf, ein anderer bekommt plötzlich Superkräfte. Der Zuschauer ist verloren, da Lynch ihm keine Orientierungspunkte gibt – von dem verstörenden Ende ganz zu schweigen ...

2. Twin Peaks ist heimelig. Jede Fernsehserie versucht den Zuschauer in eine Welt einzuladen, in der er sich wohlfühlt und die er nächste Woche gerne wieder besuchen möchte. Ein solch familiäres Szenario hat Desperate Housewives-Schöpfer Marc Cherry mit der Wisteria Lane konstruiert: Die scheinbar perfekte Nachbarschaft unter deren Oberfläche Gerüchte nach oben dringen. Lynch liefert gleich eine ganze Kleinstadt samt Diner und Tankstelle. Im Vorspann der Serie zieht das amerikanische Idyll malerisch vorbei, dabei verweilen die Einstellungen immer einen Moment zu lang auf dem Bildschirm. So brennt sich das Ortseingangsschild förmlich in die Erinnerung ein: „Welcome to Twin Peaks. Population 51,201“


3. Twin Peaks ist unheimlich. Auch wenn derzeit die Mystery Serie Fringe im deutschen Fernsehen läuft, muss sich Twin Peaks natürlich am Klassenprimus messen, an Akte X. Anstatt von Mulder und Scully verfolgt zu werden, spazieren die skurrilen Gestalten aus Twin Peaks – wie der rückwärts sprechende Zwerg und die Lady mit dem Holzklotz – in aller Öffentlichkeit umher. Im Gegensatz zu den Aliens sind sie keine Fremdkörper in der Handlung, sondern werden auf beklemmende Art und Weise zu einem Teil des Alltäglichen.

4. Twin Peaks ist Kyle MacLachlan. Der ewige Widersacher des Unheimlichen ist die Logik. Sie tritt in Gestalt von FBI-Agent Dale Cooper in Erscheinung, gespielt von Lynchs männlicher Muse Kyle MacLachlan. Seine Geradlinigkeit wird nur von Jack Bauer in 24 übertroffen. Während Kiefer Sutherland aber stets Härte beweisen muss, versprüht MacLachlan mit seiner kindlich-naiven Begeisterung für schwarzen Kaffee, „verdammt guten Kirschkuchen“, und majestätische Douglas-Tannen einen unnachahmlichen Charme.

5. Twin Peaks ist morbide. Mit dem Tod eines Charakters stirbt auch immer ein Teil der Serie selbst. Die Serie Six Feet Under mit ihrem kleinen Bestattungsunternehmen hat sich mit Leib und Seele dem Tod verschrieben. Während jede Folge von Six Feet Under mit einem Tod beginnt, zehrt die komplette Handlung von Twin Peaks von einer einzigen Leiche, die im Pilotfilm – fein säuberlich in Plastik verpackt – angespült wird. Die Frage „Wer hat Laura Palmer getötet?“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Serie und beeinflusst die Handlungen der Einwohner. Selbst nach Beantwortung der Frage lässt das Geheimnis um die tote Laura Palmer die amerikanische Kleinstadt nicht los.

6. Twin Peaks ist auch Angelo Badalamenti. Während in der aktuellen Musical Serie Glee die Songs gewaltsam ins Scheinwerferlicht gezerrt werden, setzt Lynch lieber auf seinen Hauskomponisten. Angelo Badalamenti verwendet Musik so subtil, dass sie zunächst gar nicht auffällt. Genau in dem Moment an dem man ein Crescendo erwartet, wird es still, nur um anschließend klammheimlich immer lauter und lauter zu werden. Erst wenn es zu spät ist, vernimmt man das unheimliche Säuseln von Julee Cruises Stimmeim Intro-Song „Falling“.


7. Twin Peaks ist charakterstark. Die Einwohner von Twin Peaks sind Stereotypen: Der pflichtbewusste Polizeichef Harry S. Truman, benannt nach dem amerikanischen Präsidenten, der draufgängerische Quarterback Bobby Briggs und der Unternehmer Benjamin Horne, ein J R Ewing der Provinz. Doch der Mord an Laura Palmer hat ihr Rollenverhalten zum Wanken gebracht, so dass sie ihre angestammten Positionen nicht mehr ausfüllen können. Stattdessen lassen sie sich treiben, verlieben sich neu und handeln intuitiv. Gerade wegen dem Fehlen jeglicher bekannter Handlungsmuster wirken sie trotz all ihrer Skurrilität menschlicher.

8. Twin Peaks ist lustig. David Lynch sitzt im Double R Diner und versteht die Welt nicht mehr. Nicht weil es dem Regisseur an Verständnis mangelt, sondern weil er auch den schwerhörigen FBI-Abteilungsleiter Gordon Cole spielt. Seine Aufmerksamkeit ist nur durch lautes Brüllen zu gewinnen. Einzig der freundliche Hinweis auf Kaffee und Kirschkuchen seitens der Kellnerin Shelly Johnson hallt glasklar in seinen Ohren nach. Während Serien wie Scrubs einen Schenkelklopfer nach dem nächsten raushauen müssen, bleibt der Humor in Twin Peaks stets charmant und abstrakt.

9. Twin Peaks is(s)t Kirschkuchen. Obwohl in der Serie Pushing Daisies stets delikate Kuchen serviert werden, traut man sich nicht so recht zu probieren. Ebenso wie die Geschichten sind die Nachspeisen zentimeterdick mit Zuckerguss überzogen und so pappsüß, dass es einem den Appetit verschlägt. In Twin Peaks hingegen bleibt kein Stück Kirschkuchen ungegessen, keine Tasse Kaffee unberührt.


10. Letztendlich ist Twin Peaks David Lynch. Warum sollte sich ein weltbekannter Regisseur für eine Fernsehserie die Hände schmutzig machen, wenn er doch in Hollywood Blockbuster oder in Europa Arthouse-Filme drehen kann? Normalerweise benutzten Regisseure Serien als Sprungbrett für die große Karriere, wie im Fall von J.J. Abrams (Lost, Fringe) schön zu sehen. Mit Twin Peaks hat sich David Lynch ganz bewusst dem System „Fernsehserie“ angenommen, hat mit allen Konventionen gebrochen und hinterfragt unsere Sehgewohnheiten. An denen hat sich auch nach 20 Jahren Fernsehen scheinbar nicht wirklich viel geändert.

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